(Projekt in Ausarbeitung)
Das Berliner Schloss und sein bauliches Umfeld sind ein Theseus-Schiff im Stadtraum: ein Schiff, dessen Planken und Einzelteile nach und nach ausgetauscht werden, bis am Ende die Frage steht, ob es trotz gleicher Form noch dasselbe Schiff ist – oder bereits eine Kopie mit Erinnerungssiegel. Genau so verhält sich das Staatsschiff, nur dass es seine Staatsraison nicht in Holz, sondern in Stein baut: Am Schlossplatz wird Kontinuität nicht bewahrt, nicht hergestellt, sondern behauptet.
Der Abriss des Palasts der Republik und die Rückkehr der barocken Hülle sind weniger die Frage von Stilpräferenzen als die Frage, welche geschichtspolitische Deutungshoheit obsiegt und welche metaphysische Auslegung des Selbst der Staat für sich definiert. In diesem Sinne gewinnt ein Satz im tagespolitischen Grundraunen plötzlich die Qualität eines Beweisstücks, das eigentlich nicht in die Akte „Schlossplatz“ gelegt werden möchte: Als der russische1 Außenminister jüngst sinngemäß erklärte, die DDR sei von der Bundesrepublik annektiert worden, war das offenkundig als Provokation gemeint. Aber gerade Provokationen besitzen eine eigentümliche Präzision, weil sie den Finger in die geschichtspolitische Wunde legen und unfreiwillig zur Positionierung zwingt. Ob diese Vokabel empört zurückgewiesen, bejaht oder still registriert wird – sie nötigt uns, den Vorgang der Wiedervereinigung nicht nur als Rechtsakt, sondern als Deutungsakt zu lesen: Wer schreibt die Kontinuität, wer verwaltet das Gedächtnis, wer entscheidet, welche Auslegung der Vergangenheit richtig war oder ob die herrschenden Geschichtsschreibung nicht doch die Geschichtsschreibung der Herrschenden ist?
Im Casus des Berliner Schlosses wurde eine gesamtdeutsche Versöhnung versprochen, aber an eine ostdeutsche2 Gedächtnisprüfung geknüpft – welcher Teil des Volkes „heimkehren“ soll, und wer akzeptieren muss, dass Teile der jüngeren Vergangenheit als Anomalie, als Ausscheren behandelt und aus dem Stadtbild getilgt werden. Vor diesem Hintergrund bekommt der Abriss des Palasts der Republik einen zweiten Schatten: Er erscheint nicht bloß als Verlust eines Gebäudes, sondern als Korrektur der eigenen Geschichte, als architektonischer Ausdruck tektonischer Plattenbewegungen der Geopolitik. Am Schlossplatz wird Kontinuität nicht einfach hergestellt, sondern die Vergangenheit umgedeutet – mit der beruhigenden Suggestion, Stein könne Konflikte schließen, die Geschichte offen gelassen hat – während andere Orte dieser Stadt, von der Gedächtniskirche bis zu den sichtbaren Narben einzelner Straßenzüge, gerade von der offen gehaltenen Wunde leben. Gerade dort, wo sich im Humboldt-Forum Repräsentation, Kolonialdebatte und Symbolpolitik überlagern, zeigt sich: Rekonstruktion rettet nicht Vergangenheit, sie produziert Deutungshoheit.
Kernthese (in Ausarbeitung): Rekonstruktion ist ein politisches Verfahren, mit dem ein Gemeinwesen Identität nicht findet, sondern herstellt – durch Abriss, Kulisse, Programm und die beruhigende Suggestion, man könne Konflikte durch Form lösen. Wird eine Stadt wirklich tragfähiger, je genauer sie repliziert – oder je ehrlicher sie ihre Brüche lesbar hält?
Ziel: Erarbeitung eines objektivierbaren Kriterienkatalogs für Rekonstruktionsentscheidungen, der Urteile von bloßer Stilpräferenz, Lobbydruck und geschichtspolitischer Opportunität entkoppelt und Rekonstruktion an prüfbare Maßstäbe der städtebaulichen Funktion, der historischen Redlichkeit und der erinnerungskulturellen Konfliktfähigkeit bindet, um bau- und erinnerungspolitische Entscheidungsprozesse zu erleichtern.
Projekt in Ausarbeitung.

- „russisch“ / „russländisch“: Im Folgenden wird „russisch“ als geläufige Kurzform verwendet. Streng terminologisch wäre im Deutschen jedoch zwischen russisch (ethnisch-sprachlich: „русский“) und russländisch (staatlich-bürgerlich: „российский“) zu unterscheiden; gemeint ist hier die staatliche Außenpolitik der Russischen Föderation, nicht eine ethnische Zuschreibung. ↩︎
- „ostdeutsch“ / „mitteldeutsch“: Der Ausdruck „ostdeutsch“ wird hier im Sinne des Erfahrungs- und Erinnerungshorizont der ehemaligen DDR-Bürger verwendet. Historisch-geographisch ist „mitteldeutsch“ für große Teile dieses Raums sachgerechter; zugleich bezeichnet „Ostdeutschland“ in älteren oder bestimmten politischen Kontexten bisweilen die ehemals deutschen Gebiete östlich von Oder-Neiße-Linie. Hier wird am zeitgenössischen Gebrauch festgehalten; der geschichtliche Hintergrund des Begriffes ist dem Autor bewusst. ↩︎
