Kosten, Kreise und Kontrolle
Schuld und Nachweis – Teil I.
I. Inferno: Neun Höllenkreise der Bürokratie
Die Hölle ist für Dante kein Bild aus Schwefel und Feuer, sondern zuallererst eine Ordnung. In seiner Göttlichen Komödie beschreibt er eine geometrische Figur aus neun Kreisen in einem trichterförmigen Schacht, der sich bis zum Mittelpunkt der Erde hinabzieht.1 Darin durchwandern Dante und der römische Epiker Vergil alle neun Höllenkreise auf dem Wege zur Erkenntnis2, während die Seelen der Verdammten je nach Schwere ihrer Sünden dauerhaft einem bestimmten Kreis zugewiesen bleiben und dort in alle Ewigkeit Qualen erleiden. Vielleicht zum ersten Mal seit den großen antiken Unterweltsentwürfen gab Dante Alighieri dem Begriff der „Sünde“ eine Topographie und der Hölle eine räumliche Artikulation. Als der Florentiner im Exil in Ravenna seine Zeitgenossen mit der Feder in die ewige Verdammnis schrieb, konnte er aber kaum ahnen, wie vertraut uns sieben Jahrhunderte später diese Mechanik aus neun Höllenkreisen erscheinen würde. Was der toskanische Dichter und Philosoph mit dem Inferno, dem ersten Teil der Göttlichen Komödie, entwarf, war nicht nur eine zeitlose Dichtung über Sünde und Folgen, sondern auch zugespitzte Zeitkritik und eine Abrechnung mit seiner Gegenwart. In der Übertragung auf unsere Verhältnisse verschiebt sich der Akzent von Sünde zu Schuld, genauer – zu Verantwortung. Gerade deshalb lässt sie sich in unsere Gegenwart übertragen, ohne an Schärfe zu verlieren: Dante zeigt Machtgier und die Scheu vor persönlicher Verantwortung als Triebkräfte der Tiefe. In moderne Begriffe übersetzt, heißt das: Entkernung von politischen Inhalten durch Verknöcherung von Institutionen und Verantwortung auf viele Schultern verteilen.3 Genau an dieser Stelle entsteht ein System, das sich in Zuständigkeiten organisiert und Wirklichkeit in Verwaltungsakte zerlegt.
Aber diese neun Höllenkreise sind hier keine Allegorie mehr, sondern ein realer Ablauf: Vom Nagel in der Wand bis zum Loch auf dem Konto führt im öffentlichen Bauen eine Kette von bis zu neun Instanzen – je nach Verfahren und Vertragskonstrukten.4 Bevor Baupläne Wirklichkeit werden, muss im öffentlichen Bauen ein Papierstapel in den Schlund eines Bürokratieapparates aus Nachweisen und Unterschriftsläufen geworfen werden. Was der Arbeiter auf der Baustelle dabei selten ahnt, ist die Reaktionskette aus bürokratischen Abläufen, die jeder seiner Spatenstiche und jeder Schlag seines Hammers entzündet. In der Praxis entscheidet: geprüfte Rechnung, Stempelordnung, Prüffrist, Zahlungsanweisung. Der nimmersatte Moloch muss Akten fressen, ehe er als Verdauungsprodukt einen Zahlungsfluss freisetzt – mit dem der Arbeiter am Ende seinen eigenen Magen füllen darf.
Erster Kreis – der Arbeiter auf der Baustelle, der wertschöpfend tätig ist und einen Nagel in die Wand schlägt. Zweiter Kreis – der Bauleiter, der das aufnimmt und weiterreicht.5 Dritter Kreis – die firmeninterne Buchhaltung, die aus dem Aufmaß eine Rechnung generiert – berechnet nach Maßeinheit mal Einheitspreis pro Auftragsposition. Vierter Kreis – die Fachbauüberwachung6, die als Vermögensverwalter des Bauherrn fachtechnisch-sachlich prüft, ob das zahlenmäßig Behauptete gebaut ist. Fünfter Kreis – oftmals die Projektsteuerung, die für einen fachfremden oder kapazitiv ausgelasteten Bauherrn die „Prüfung der Prüfung“ vornimmt, die sogenannte „Überprüfung“. Sechster Kreis – sodann der Bauherr selbst, der die Verantwortung im Namen der Institution zeichnet. Siebter Kreis – eine Buchhaltung, die die Zahlung – in der Regel mit Verzögerung – anweist; je nach Förderkriterien und Vertragskonstrukt folgt im öffentlichen Bauen das Nachspiel: Achter Kreis – der Zuwendungsgeber kann auf einem Zwischennachweis über die Verwendung von Fördermitteln bestehen. Neunter Kreis – als letzte Instanz wartet der Rechnungshof mit eschatologischem Ernst und fragt, ob die Kette wirklich geschlossen war. Fehlt ein Vermerk, beginnt der Kreis von vorne – und genau diese abergläubische Angst vor Rückfragen und Sanktionen, vor Schuld und Verbrechen — um es mit Dostojewski zu sagen —, hält das infernale Spiel aus Nachweisen und Stellungnahmen am Laufen. Der Prozess gleicht einem Opferkult, in dem der Apparat Energie und Lebenszeit frisst, bevor er zahlt. Entscheidend war dann weniger, dass gebaut wurde, als dass es nachweisbar gebaut wurde. So schließt sich der Kreis: Zwischen dem „Nagel in der Wand“ und dem Loch auf dem Konto des Bauarbeiters werden aus der Luft neun Arbeitsplätze geschaffen — die meisten ohne unmittelbar sichtbaren, bauwerksbezogenen oder wertschöpfenden Mehrzweck.7

II. Purgatorio: Normenflut als Kostentreiber
Dieser tägliche, routinierte Ablauf im öffentlichen Bauen zeigt, dass in Deutschland nicht nur Materialpreise und Inflation, sondern vor allem blinde Normenwut und bürokratische Verfahrenskomplexität, die Baukosten in die Höhe treiben.8,9 Wie die Prüfungs- und Nachweisdichte die öffenliche Hand als Bauherrn lähmt, zeigen nicht nur medienpräsente Hauptstadtflughäfen und schwäbische Bahnhöfe, sondern auch meine eigene berufliche Praxis aus Kulturbauten und Schulen: Um jeden Ziegelstein und jede Bodenfliese scheint ein Ökosystem aus Gutachtern, Prüfern und Sachverständigen gewachsen zu sein, das an der Bauwirtschaft mitverdient und ihre Unverzichtbarkeit für den Baufortschritt behauptet. Nebst Rüstungs- und Pharmaindustrie wird die Bauindustrie in der Diskussion um Lobbyismus allzu oft ausgeklammert. Je mehr Beteiligte und Normen, desto mehr systemimmanente Formblätter und Workflowsdiagramme, sodass eine erfolgreiche Projektabwicklung von ihren Teilnehmern ein zusehends mechanisches Weltbild verlangt. Mehr Abstimmung, mehr Meetings, mehr Protokolle, mehr Kaffee, mehr Formblätter, mehr Telefonate, mehr Diskussionen darüber, dass immer weniger Fachkräfte fähig und willens seien, noch eine abnahmereif Wand zu spachteln und zu putzen. Zwar entsteht ein Fortschritt, aber auch eine Verarmung von Sinn und Handwerk. Immer neue Vorschriften – etwa im Klima- und Umweltschutz, Brandschutz, Schallschutz oder bei Zertifizierungen – führen zu zusätzlichem Planungsaufwand, Nachweisen und Abstimmungen, ohne dass dadurch automatisch die Bauqualität sichtbar steigt.10 Im Gegenteil: Der Bauherr schleppt diese Absicherungsschichten wie büßende Seelen ihre Lasten den Hang der Genehmigungsfähigkeit hinauf; viel Geld versickert in unsichtbaren Absicherungsschichten – in Gutachten, Dokumentationen, Prüfungen – statt in hochwertige Materialien oder Gestaltung zu fließen. Ein Bericht des Normenkontrollrats Baden-Württemberg aus dem Jahr 2021 führt hierzu folgendes Beispiel: Für einen minimalen Anbau von 8 m² forderte eine Behörde eine zweite Feuertreppe für 50.000 EUR, nur weil damit eine starre Flächengrenze überschritten war; vorhandene breite Treppen und Terrassentüren wurden nicht als Fluchtweg anerkannt.11 Solche Auflagen treiben die Kosten, ohne dass am Ende ein „Luxus“ sichtbar wäre, den man einsparen könnte – die Mehrkosten entstehen aus den Strukturen der Anforderungen selbst heraus.
Aus der internen Perspektive laufender Bauprozesse wirkt es oft erstaunlich banal: Eine komplexe Überlagerung juristischer Ebenen und Auflagen, die sich über einen Planungsprozess legen. Als bewusst vereinfachtes, fast unterkomplex dargestelltes Beispiel aus meiner realen Praxis: Ein Architekturbüro mit jungen Planern, das den Wettbewerb für einen Kulturbau erfolgreich bestritten hat, sich aber die Einstellung von erfahrenen Planern nicht leisten kann. Dadurch eine steigende Wahrscheinlichkeit von Planungslücken, die wiederum zu Baufehlern, Regressforderungen, Rechtsstreit und damit zu Bauzeitverlängerungen führen. Während einer Bauzeitverlängerung von einem halben Jahrzehnt ändern sich Trinkwasserverordnungen, Nutzerwünsche und der anerkannte Stand der Technik, um nur die harmlosesten Punkte zu nennen. Diese lösen wiederum eine Kaskade von Umplanungen aus, die noch mehr Zeit und Geld verschlingen. Leitungsführungen müssen geändert, Vorsatzschalenbereiche neu konzipiert, Technikräume vergrößert, Schächte ergänzt werden. Am Ende verdrängen Norm und Technik Raum und Architektur. Die Kosten steigen, doch nach außen ist kein Mehr an Qualität erkennbar. Ähnlich in einem Schulbauprojekt in Berlin: Was an sich robuste Zweckbauten sein sollten, wird durch additive Anforderungen hochkomplex. Beispielsweise führen extra Lüftungs- und Schallschutzvorgaben zusammen zu einem Dschungel an Schächten und Kabeln in abgehängten Decken; die Architektur folgt nicht mehr einem Entwurfsgedanken, sondern einem Raster an Normnachweisen. So darf es nicht überraschen, wenn in einer zweigeschossigen, fünfzügigen Schule als anonymisiertes Beispiel aus der beruflichen Praxis rund 57 Kilometer Starkstromkabel im Gebäudeinneren verlegt werden. Das ist kein Bauwerk mehr, das ist ein Serverraum mit Pausenhof. Immerhin sind es der Höhe nach nur 70 Burj Khalifas mitten in einem sozialen Brennpunkt im Berliner Süden. Früher konnten Menschen für das Lüften immerhin noch das Fenster eigenhändig öffnen und die Tafel wischen. Heute steuern verglaste Gebäudehüllen ihren außenliegenden Sonnenschutz selbst und jeder Klassenraum benötigt seit dem Digitalpakt eine eigene digitale Tafel, die teuer und wartungsintensiv ist, obwohl der pädagogische Mehrwert gegenüber herkömmlichen analogen Schultafeln zweifelhaft sein dürfte und eine wachsende Forschungslage langzeitliche Negativfolgen einer zu frühen Interaktion mit digitalen Mitteln auf die Entwicklung von Haptik, Feinmotorik und verkürzte Aufmerksamkeitsspannen nahelegt.
Wird das Budget knapp, wird zuerst am Sichtbaren gespart – etwa an Materialqualität oder handwerklichen Details – weil an den vorgeschriebenen technischen Ausrüstungen und Dokumentationen kaum gerüttelt werden darf. Baukultur und Ästhetik gehen also gar nicht so oft verloren, weil Planer oder Bauherren nur noch „hässlich bauen“, sondern weil das System zuerst die Nachweispflichten bedient und zuletzt die Gestalt. Bei Sonderkonstruktionen (z.B. Bühne, Brückenschutz, temporäre Bauten) zeigt sich, dass oft nicht das Bauteil teuer ist, sondern die Beweis- und Genehmigungslast darum herum: Prüfstatiken, Sicherheitskonzepte, Wartungspläne, wiederholte Freigaben durch diverse Instanzen. Verzögerungen und Nachträge sind die Folge – Kosten, die viel Zeit und Geld fressen, ohne den Nutzwert des Bauwerks direkt zu erhöhen.
Aus einer Ernst und Young-Studie geht hervor, dass bis zu 15 % der Baukosten auf Bürokratie entfallen.12 Der Bundesverband Kalksandstein folgert, hier liege ein Einsparpotential von rund 2,7 Mrd. EUR brutto per anno; durch Standardisierung, Verfahrensvereinfachung und Digitalisierung könnten etwa 15–20 % der Bürokratiekosten vermieden werden. Auch die öffentliche Hand erkennt das Problem. Die ehemalige Bundesbauministerin Geywitz betonte, Normen seien zwar nützlich, doch „wenn es zu viele werden, fühlen sich private Bauherren überfordert“. Das Deutsche Institut für Normung (DIN) reagiert und führt ab 2025 eine Folgekostenabschätzung für Baunormen ein, um die finanziellen Auswirkungen neuer Normen vorab abzuschätzen.13
Allerdings gibt es auch relativierende Stimmen: In einer aktuellen Umfrage der DIN-Gruppe nannten zwar rund 40,6 % der Baupraktiker die steigenden Normanforderungen als Kostentreiber, noch mehr sahen jedoch die Materialkosten (54,9 %)14 und die Baufinanzierungszinsen (41 %) als Hauptursachen für Baukostensteigerungen.15 Zinsen und Materialpreise unterliegen zahlreichen volatilen Faktoren, die sie konjunkturell und kurzlebig machen. Da sie oftmals nur reaktiv gesteuert werden, eignen sie sich besonders gut als Sündenböcke, aber sie kaschieren nur das strukturelle Staatsversagen durch Regelwut. Trotzdem wird der Anteil von Bürokratie, Normen und Auflagen zunehmend kritisch gesehen. So warnt der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA), Deutschland sei beim Wohnungsneubau ein „Hochkostenland“ und staatliche Vorgaben und Abgaben machten hierzulande rund 37 % der Kosten aus – eine stille Umverteilung von der Mauer zum Papier, eine ausgelagerte Staatsquote, die sich als Privatwirtschaft tarnt, um es mit einem medial präsenten Vertreter der Österreichischen Schule zu sagen. In Frankreich oder Schweden liegt dieser Anteil laut dem Ausschuss bei nur etwa 20 %, in Österreich sogar bei 7 %. Zudem sind in Deutschland auch die Baunebenkosten (Planung, Gutachten, Genehmigungen) im Europa-Vergleich am höchsten: ca. 490 EUR pro m² Wohnfläche – in den Niederlanden sind es 420 EUR, im benachbarten und durch EU-Gelder bis zum Hochmut subventionierten Polen sind es nur 75 EUR.16 Diese Zahlen verdeutlichen, dass Überregulierung und Abgabenlast hierzulande die Baukosten spürbar höher treiben als anderswo.17
III. Paradiso: Rückbesinnung auf Würde und Menschenverstand
All die Regelwerke und Normen dienen nur indirekt der Qualitätssicherung, weil Qualität in einer zunehmend normierten und standardisierten Baupraxis vor allem Ergebnis von Nachweisbarkeit durch Zahlen, Faktoren und Quoten begriffen wird. Fragen von Erfahrung und Wahrnehmung treten hier in den Hintergrund, weil sie kaum objektivierbar sind. So kann am Ende ein Neubau „regelkonform“ sein und dennoch schlecht altern, weil sich der Planungsprozess auf die Einhaltung von und Vermittlung zwischen sich teils widersprechenden, von der Industrie lobbyierten Normen kapriziert. Hält man an diesem Punkt einen Moment inne und betrachtet das Baugeschehen aus der Distanz, drängt sich ein unangenehmes Bild auf: Es wird unablässig gearbeitet, gerechnet, abgestimmt – und doch wirkt das Resultat oft, als hätte es seinen inneren Zweck verloren, als sei das Bauen vom Mittel zum Ziel geworden.
Genau hier lohnt der Blick in die Vergangenheit — nicht aus Nostalgie, sondern weil er verdeutlicht, wie Dauerhaftigkeit und Würde auch ohne dauernde Nachweisproduktion entstehen konnten. Eine Baukultur, die nicht aus weniger Sicherheitsauflagen und Absicherungen, sondern aus einem anderen Verantwortungsbegriff erwuchs. Historische Bauten18 gelten in zahlreichen Metropolen, so auch in Berlin, als äußerst attraktiv und prestigeträchtig, obwohl sie meist sanierungsbedürftiger als Neubauten und energetisch ineffizienter sind. Kennzeichnend sind robuste Materialität, tektonische Lesbarkeit und eine relativ geringe Abhängigkeit von hochkomplexer Haustechnik als Voraussetzung für die Betriebsfähigkeit und Nutzbarkeit. Sie strahlen heute noch historischen Charme aus und befinden sich oft in zentralen Lagen – für viele Käufer und Mieter ein großer Reiz.19 Der „Renommierwert“ von Wohnungen in historischen Gebäuden mit analogen Bauproduktionen ist nach wie vor hoch.20 Es zeigt sich, dass Baukultur und Wertschätzung sich nicht nur an technischen Kennzahlen bemessen, sondern auch über eine nicht verbalisierbare, irrationale Ebene verfügen. Während Neubauten objektiv funktionaler und nachhaltiger sein können, genießen Bauten mit analoger Planungs- und Produktionsweise nach wie vor ein soziologisch nachweisbares, oft höheres Ansehen. Darin spiegelt sich auch eine gewisse Kritik an den gegenwärtigen Bauprozessen: Trotz aller Normerfüllung fehlt Neubauten mitunter die Atmosphäre – ein Umstand, der aber weniger mit „Geschmack“ der Architekten als mit den genannten systemischen Zwängen zu tun hat.
Deutschlands Bauwesen droht in einem „Goldenen Käfig“ aus Vorschriften gefangen zu sein: Alles ist geprüft und abgesichert, aber am Ende wird weniger gebaut – und was gebaut wird, gerät langsamer, teurer und gestalterisch ärmer, als es sein müsste. Was hilft, ist kein weiteres Bürokratieabbaugesetz, das in neuen Verwaltungsvorschriften ausdifferenziert wird, sondern klare Maßnahmen: zuerst das Lokale und Niederschwellige, das morgen schon anders laufen könnte, dann das Strukturelle, das nur politisch zu lösen ist. Teil II ordnet diese Hebel – und führt sie an einem anonymisierten Projekt konkret vor, inklusive realistischer Einsparoptionen im Management- und Organisationsbereich ohne Qualitätsverlust: als ein „Purgatorio“ der Praxis, in dem nicht alles verbrannt wird, sondern schichtweise geläutert, bis der Bau wieder atmen kann. Die Kernfrage bleibt: Wie bauen wir wieder, ohne dass Normen, Nachweise und Verfahren alles auffressen – und wie halten wir dabei Stadtbild und Baukultur intakt? Der römische Dichter Vergil bleibt dabei das Prinzip der Vernunft – und wird zeigen, wo Normen und Kontrolle schützt und wo sie, als Ritual, das Bauen erdrosselt.
Fortsetzung folgt…

In Ausarbeitung: Teil III.
Kodex Hammurabi – Stempel, Schuld und Stein
Mentalitätswandel zu mehr Verantwortung und weniger Angst







- Unter den Gelehrten jener Zeit war die Vorstellung von einer kugelförmigen Erde längst etabliert. Dante hätte die Kugelform aber auch als Hommage an die antike kosmologische Weltbild übernehmen könnten. Trotz aufkeimender Renaissance bleiben die kosmologischen Grundannahmen Dantes im Kern spätmittelalterlich-scholastisch und antik vermittelt. Somit ist die Vorstellung irrtümlich, dass im Mittelalter die Vorstellung einer flachen Erdscheibe verbreitet gewesen sei.
Auf der Südhalbkugel verortet Dante in seiner Göttlichen Komödie als „Gegenberg“ das Fegefeuer, was je nach Weltanschauung und politischer Gesinnung nicht allzu weit von den sozioökonomischen Realitäten des „globalen Südens“ entfernt scheint und die bis heute spürbaren Nord-Süd-Asymmetrien erinnert.
Die eigentliche Sprengkraft entsteht erst rund anderhalb Jahrhunderte später durch den kopernikanischen Heliozentrismus (Sonne im Mittelpunkt), der dann im 17. Jahrhundert mit Galileos Hausarrest eine politisch-theologische Dimension gewinnt. ↩︎ - Dass Dante sich ausgerechnet Vergil (Publius Vergilius Maro, 1. Jh. v. Chr.) als „Reiseführer“ durch die Hölle auserkoren hat, lag vor allem daran, dass der römische Dichter ihm als Vorbild klassischer Dichtung und Maßstab menschlichen Vernunft galt. Vergil brachte Dante durch die Hölle, aber nicht bis ins Paradies, wo göttliche Gnade und Glaube maßgeblich seien. ↩︎
- Dantes Fallhöhe im „Inferno“ ist primär an individuelle Schuldformen wie Verrat und andere Laster gebunden und weniger an abstrakte Verwaltungsmechaniken. Zugleich übt er eine scharfe Institutionskritik am Papsttum, am Ämterkauf und am Machtmissbrauch. Insofern scheint es ihm — aus meiner Sicht — sekundär auch um eine systemische Kritik zu gehen; seine Texte lesen sich wie karikative Abrechnungen mit seinen Zeitgenossen, die er gleichsam in die Hölle einschreibt. ↩︎
- Kritisiert wird nicht Kontrolle als solche, sondern die kumulative Mehrfachabsicherung: Wenn Prüfung, Überprüfung und Nachspiel sich stapeln, wird Nachweisbarkeit zum Selbstzweck. ↩︎
- Gemeint ist hier der Bauleiter des AN (Auftragnehmers), also der ausführenden Baufirma, als Funktionsstelle, die die ausgeführten Leistungen intern bündelt und in einen Abrechnungsprozess überführt. Je nach Firmengröße und Baustellenorganisation können Polier/Vorarbeiter (Leistungsaufnahme vor Ort) und ein Kalkulator/Aufmaßingenieur (Positionszuordnung) mitwirken; für die Argumentation wird diese Zwischenstufe als ein gemeinsamer „Höllenkreis“ zusammengefasst, der zwischen ausführender Hand und den nachgelagerten Prüfstellen vermittelt. ↩︎
- Zur Einordnung: Mit „Fachbauüberwachung“ ist hier die fachtechnische Kontrolle der ausgeführten Leistung gemeint – also die Prüfung, ob Menge (Aufmaß/Ansatz) und Qualität der Ausführung dem entsprechen, was geplant, ausgeschrieben, beauftragt wurde und schließlich abgerechnet werden soll. Je nach Gewerk übernehmen diese Prüfung typischerweise Architekten (Hochbau vom Rohbau bis zum Innenausbau) oder Ingenieure (technische Gewerke). „Grundleistung“ bezeichnet dabei den im jeweiligen Planungs- oder Überwachungsauftrag regulär geschuldeten Mindestumfang im Sinne der HOAI (Honorarordnung für Architekten- und Ingenieure), also keine zusätzliche Sonderprüfung, sondern den Kern der vertraglichen Verantwortlichkeit. ↩︎
- Mit „Mehrzweck“ ist hier vor allem ein ergebnisorientierter Mehrwert für das Bauwerk gemeint. Viele Schritte sind systemisch nachvollziehbar, aber sie wachsen in Summe über das hinaus, was am Ende als Architektur, Dauerhaftigkeit und Nutzwert ankommt. Der Grundgedanke ist, dass Mittel oftmals besser in der handwerklichen, wertschöpfenden, materiellen Herstellung des Baus als Dienstleistungen und Nebenkosten anlegt sind. ↩︎
- Normenkontrollrat Baden-Württemberg: Entlastung von Bürokratie und Baukosten durch Optimierung des Brandschutzes. Empfehlungsbericht des Normenkontrollrats Baden-Württemberg. Stuttgart: Normenkontrollrat Baden-Württemberg, 2021, S. 2. Online verfügbar unter: https://www.normenkontrollrat-bw.de/fileadmin/_normenkontrollrat/PDFs/Empfehlungsberichte_und_Positionspapiere/Brandschutzstudie_NKR_BW.pdf (letzter Zugriff: 30.12.2025). –
Zitat: „Die Baukosten sind in den letzten 20 Jahren erheblich gestiegen. Eine der Ursachen liegt an der zunehmenden Komplexität des vorbeugenden Brandschutzes. Private und öffentliche Bauherren, insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen sowie Kommunen klagen über un- verhältnismäßige Brandschutzauflagen. Diese verzögern die Realisierung ihrer Bauvorhaben und führen zu erheblichen Kostensteigerungen. Bei Sonderbauten und komplexen Umbauten im Bestand haben wir häufig festgestellt, dass vor allem der vorbeugende Brandschutz Mehrkosten verursacht. Der Normenkontrollrat hat sich deshalb intensiv mit der Frage beschäftigt, wie mit Bürokratieabbau die Kosten gesenkt werden können. Dabei war uns wichtig, dass wir auf jeden Fall an dem hohen Standard des Brandschutzes, den wir in Baden-Württemberg erreicht haben, festhalten und ihn nicht gefährden.“ ↩︎ - Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V. (Presse): Bürokratiekosten machen einen substanziellen Teil der Baukosten aus. 31.07.2025. Online verfügbar unter: https://www.kalksandstein.de/presse/buerokratiekosten-machen-einen-substanziellen-teil-der-baukosten-aus/ (letzter Zugriff: 02.01.2026).
Zitat: „Bürokratiekosten machen einen substanziellen Teil von bis zu 15 % der Baukosten aus. Insgesamt hat EY im Bausektor ein Bürokratie-Einsparpotenzial in Höhe von rund 2,7 Milliarden. Euro identifiziert. Die größten Hebel sehen die Berater in der Standardisierung von Regelungen, bei prozessualer und inhaltlicher Vereinfachung, sowie bei der Beschleunigung und Digitalisierung bürokratischer Prozesse. Durch die in der Hochbaustudie aufgeführten Maßnahmen ließen sich rund 15 bis 20 % der Bürokratiekosten einsparen, was die gesamten Baukosten um 3 % reduzieren würde.“ ↩︎ - Vgl. Fußn. 8, S. 59. – Zitat: „Um persönliche Risiken wie auch Haftung und persönliche Verantwortung zu minimieren, würden sich Entscheidungsverantwortliche absichern, z.B. durch die Beauftragung von Zweitgutachten. Teilweise würden Brandschutzanforderungen, um sicher zu gehen, auch über die üblicherweise geforderten Brandschutzmaßnahmen hinaus erhöht. Denn ein pragmatischeres Vorgehen würde zwar für den Bauherren im Zweifel einen Kostenvorteil darstellen, relativiere aber nicht die persönliche Verantwortungsübernahme für die Entscheiderinnen und Entscheider in den Genehmigungsbehörden. In der Konsequenz lägen die Brandschutzanforderungen der Baurechtsbehörden in vielen Fällen über den üblicherweise erforderlichen Standards. Pragmatische Abweichungen und Kompensationen von Brandschutzanforderungen würden oftmals nicht genehmigt.“ ↩︎
- Vgl. Fußn. 8, 6. 59. – Zitat: „Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, dass Genehmigungsbehörden im Bereich Brandschutz herkömmliche Standards nicht mehr akzeptieren und vermehrt hundertprozentige Sicherheit anstreben. Denn Baurechtsamtsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter wollen sicher gehen, dass sie nicht persönlich straf- oder zivilrechtlich belangt werden.“ ↩︎
- Vgl. Fußn. 9 ↩︎
- Baulinks (Redaktion): DIN führt Folgekostenabschätzung für Baunormen ein, 13.11.2024. Online verfügbar unter: https://www.baulinks.de/webplugin/2024/1558.php4 (letzter Zugriff: 02.01.2026).
Zitat (Klara Geywitz): „Normen beim Bau machen das Leben erst mal einfacher. Da wurde etwas geprüft, bewertet und kategorisiert. Wenn es allerdings zu viele werden, fühlen sich private Bauherren schnell davon überfordert. Neben unantastbaren Sicherheitsnormen soll die Folgekostenabschätzung dabei helfen, klar zu zeigen: Brauche ich das oder nicht? DIN-Normen sind Normen, die die Wirtschaft aufstellt, nicht der Staat. Kosten abzuschätzen, steigert die Wirtschaftlichkeit. Wir machen uns jetzt auf den Weg, Bauen anders zu denken, und zwar unter Größen-, Boden-, Klima- und Nachnutzungsaspekten. Das Umdenken wird Zeit benötigen, aber wichtig dafür sind solche Prüfparameter wie die Folgekostenabschätzung, Rechtssicherheit durch den Gebäudetyp E und digitale Modelle von Häusern, um die vier Wände den eigenen Lebensanforderungen anpassen zu können.” ↩︎ - Materialpreissteigerungen sind ein weiteres wichtiges Thema, das Gegenstand einer eigenen Untersuchung wäre, weil energiepolitische Fragestellungen (steigende Erzeugerpreise) und bildungspolitische Fragen (Fachkräftemangel) sowie arbeitsrechtliche Fragen (Mindestlöhne) mit in die Materialpreisbildung hineinspielen. Im Rahmen des Schwerpunktes des vorliegendes Essays muss beachtet werden, dass auch die Bürokratielast auch Einfluss auf die Materialpreise hat, weil die Kosten für Nachweise, Dokumentation, Zulassung, Rückverfolgbarkeit und zusätzliche Qualitätskontrollen auf das Produkt umgelegt werden. Ein Beispiel aus der Pharmaindustrie macht es anschaulicher: Dort werden handelsübliche Medikamente zu höheren Preisen vertrieben, um Forschung und Entwicklung gegenzufinanzieren. Auch der Bürokratieappart wird preislich in Teilen auf Material abgewälzt. ↩︎
- Brunner, Markus: Welche Rolle spielen Normen und Standards wirklich bei den Baukosten? (Gastbeitrag), in: B_I baumagazin (bau.bi), 14.02.2025 (aktualisiert 13.10.2025). Online verfügbar unter: https://bau.bi/baumagazin/hochbau/gastbeitrag-welche-rolle-spielen-normen-und-standards-wirklich-bei-den-baukosten-b19253 (letzter Zugriff: 02.01.2026). – Zitat: „In Normen stecken Wissen und Erfahrung – dadurch können Fehler vermieden werden, was Baukosten senkt. Im Jahr 2022 beliefen sich die Fehlerkosten im Bauwesen auf gigantische 43,1 Milliarden Euro! Eine Studie von DIN und DKE belegt, dass die korrekte Anwendung von Normen diese Summe um rund 16,5 Milliarden Euro senken könnte.
Durch Normung werden Produkte untereinander austauschbar. Dies bedeutet, dass Anwender nicht mehr an einen spezifischen Hersteller oder Anbieter gebunden sind, da unterschiedliche Anbieter Produkte gemäß denselben Normen produzieren. Dadurch entsteht ein gesunder Wettbewerb. Hersteller müssen kontinuierlich danach streben, qualitativ bessere und preisgünstigere Produkte anzubieten. Darüber hinaus führt dieser Wettbewerb oft zu Innovationen und Effizienzsteigerungen in der Produktion. Die Möglichkeit, Bauprodukte von unterschiedlichen Herstellern zu kombinieren, erleichtert nicht nur die Planung und Logistik, sondern reduziert insgesamt auch die Baukosten, da Bauherren von den wettbewerbsbedingt günstigeren Preisen profitieren können. So tragen Normen maßgeblich dazu bei, die Transparenz auf dem Markt zu erhöhen und Investitionen in Bauvorhaben wirtschaftlich attraktiver zu gestalten.” ↩︎ - „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ — ein bekanntes Bonmot, das oft Winston Churchill zugeschrieben wird. Gerade solche und ähnliche Ländervergleiche sind selbstredend definitionsabhängig, aber selbst unter Berücksichtigung von Verzerrungen durch andere methodologische Ansätze und Methodenspielräumen bleibt der Befund einer in Deutschland hohen Vorgaben- und Nebenkostenlast. ↩︎
- Haufe Online Redaktion: Baunebenkosten in Deutschland am höchsten (Europa-Vergleich), 11.12.2023, 12:00 Uhr. Online verfügbar unter: https://www.haufe.de/immobilien/entwicklung-vermarktung/marktanalysen/kostentreiber-wo-die-baulandpreise-am-staerksten-steigen_84324_483616.html (letzter Zugriff: 31.12.2025). ↩︎
- PROJECT Immobilien Gewerbe: Ab wann ist ein Haus ein Altbau – Kriterien & Definition, 09.03.2025. Online verfügbar unter: https://www.project-gewerbe.com/ab-wann-ist-ein-haus-ein-altbau-kriterien-definition/ (letzter Zugriff: 01.01.2026). ↩︎
- Vgl. Fußn. 18 ↩︎
- Vgl. Warkus, Matthias: Altbau oder nichts: Warum viele meinen, dass an Dielenboden und Stuck kein Weg vorbeiführt, Krautreporter, 04.03.2020. Online verfügbar unter: https://krautreporter.de/leben-und-lieben/3254-altbau-oder-nichts-warum-viele-meinen-dass-an-dielenboden-und-stuck-kein-weg-vorbeifuhrt#lesen (letzter Zugriff: 26.12.2025). ↩︎

